Das Entgangene vergeht nicht: Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“
Wenn das Leben sich dem Alter zuneigt, ist es doch immer wieder erstaunlich, wie schnell es vorbeigegangen ist.
Das gilt auch für Bernhard, einen ehemaligen Hochschullehrer für Wirtschafts- und Politikwissenschaft, bei dem vom Blutdruck bis zur Pension alles die richtige Höhe hat. Einzig die Scheidung von seiner Frau und das daraus resultierende Alleinsein schmerzen verhalten.
SIEBZIGSTER GEBURTSTAG ALS WENDEPUNKT
Bernhard ist ein Mann der Mittellage, ein durchschnittlicher, nicht besonders ambitionierter aber mit leisem Humor ausgerüsteter typischer Treichel-Held, der akut seinem siebzigsten Geburtstag entgegenblickt. So Bernhard:
„Er hatte sich schon länger darauf gefreut, endlich einmal Zeit für sich zu haben und einmal all das tun zu können, wozu er bisher keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt hatte. Doch was war das eigentlich? Wofür hatte er keine Zeit gehabt? Es wollte ihm nicht einfallen. Nicht zu Beginn des Ruhestands und in den Jahren danach auch nicht.“
Doch dann ruft Italien. Salerno. Eine Geschichte, die rund vierzig Jahre zurückliegt und die in einer großen Rückblende die erste Hälfte des Romans ausmacht. Damals, Anfang der 1980er unterrichtete Bernhard in Salerno „Deutsch als Wirtschaftssprache“.
Dort lernte er nicht nur den Strandbadbetreiber Luciano und dessen Sohn Alfredo kennen, sondern auch die wunderschöne Arianna, die Bernhard den Kopf verdreht, als sie ihren Kopf durch Alfredos Zimmertür steckt und „Ciao Ragazzi“ ruft. Bernhard spürt, dass ihr Anblick etwas mit ihm macht, auch wenn er noch nicht ahnt, was.
Von Flieh- und Anziehungskräften
Dort, im Strandbad, befindet sich auch das Karussell, ein Kinderkarussell aus dem 19. Jahrhundert mit Pferdchen, Delphinen, Mond und Kutsche.
Es liegt, in Einzelteile verpackt, in einer Lagerhalle und wartet darauf, irgendwann einmal repariert und wieder in Betrieb genommen zu werden, vielleicht dann, wenn Arianna ihr Studium der Ingenieurswissenschaften beendet hat.
In ihrer zupackenden Art, ihrer Bestimmtheit und Unverkrampftheit ist sie das ziemlich exakte Gegenteil von Bernhard, doch Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an, und um Kräfteverhältnisse, Flieh- und Anziehungskräfte, geht es in diesem Roman.
Beide, die verheiratete Arianna ebenso wie das kaputte Karussell, sind uneingelöste Versprechen, liegengebliebene Möglichkeiten, Hoffnungen auf Glück und Bewegung, und sei es auch nur im Kreis.
VOM NICHT-GESCHEHENEN
Treichel erzählt liebevoll und mit leiser Melancholie von dem, was nicht geschieht, was aber als Nicht-Geschehenes ein ganzes Leben prägt.
Der lange, intensive Kuss, den Arianna Bernhard schenkt, ist mehr Abschied als Anfang, überdauert aber in der Erinnerung die folgenden vierzig Jahre, in denen Bernhard nichts von Arianna hört und weiß.
> Aber keinen Kontakt halten, bedeutete ja nicht, nicht miteinander zu kommunizieren. Auch wer schweigt, teilt etwas mit.
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> Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell
„Mal leise und fast unhörbar. Doch gegebenenfalls auch laut und deutlich. Manchmal lärmte es geradezu in seinem Kopf vor lauter Schweigen und Kontaktlosigkeit.“
Hans-Ulrich Treichel [https://www.swr.de/kultur/literatur/der-verlorene-von-hans-ulrich-treichel-100.html] vollbringt das Kunststück, ein ganzes Leben zu erzählen, indem er fast alles weglässt. Das vierzig Jahre währende, zunehmend mühsame Hochschullehrerdasein bietet nicht viele Höhepunkte.
Die kinderlose Ehe gipfelt in der Scheidung, nachdem Bernhards Frau ihn für einen geringfügig Jüngeren, geringfügig Sportlicheren, geringfügig Besserverdienenden verlassen hat, der außerdem auch interessenstechnisch – exotische Pflanzen, Skilanglauf, Querflöte – etwas breiter aufgestellt ist als er selbst.
Das Damals und das Jetzt
Doch all das spielt keine Rolle mehr, da er sich angesichts des bevorstehenden siebzigsten Geburtstages entschließt, endlich nach Salerno zu reisen, um zu sehen, was aus dem Karussell und was aus Arianna geworden ist.
Tatsächlich scheint seit damals kein Tag vergangen zu sein, wenn die beiden wieder am Lungomare auf einer Bank nebeneinandersitzen und aufs Meer schauen, das zum Schweigen einlädt.
> Die Zeit schien in ihm zu arbeiten. Dieser Sprung über die Jahrzehnte hinweg. Ein Sprung, der ja eigentlich gar nicht zu fassen war. Einen Moment lang schnurrten das Damals und das Jetzt zusammen. Um einen Moment später wieder auseinanderzudriften.
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> Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell
Das Karussell, dessen Inbetriebnahme dank Ariannas Ingenieurskunst unmittelbar bevorsteht, ist das Sinnbild dieser Bewegung auf der Stelle, einer Zeit, die vergeht, ohne voranzukommen. Es ist das Sinnbild dieses Lebens, des Lebens überhaupt, so wie Treichel es in seinen Büchern immer wieder zu fassen sucht.
> Das Vergangene verging nicht. Zumindest solange man lebte. Das Entgangene offenbar auch nicht.
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> Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell
Bedeutsam sind eben nicht die Karrieren und Katastrophen, beruflich oder privat, die guten Absichten und zurückgelegten Wege, sondern einzelne Augenblicke, die ihre Bedeutung aus sich selbst heraus haben.
DAS KARUSSELL DREHT SICH
Mit „Das Karussell“ erzählt Hans-Ulrich Treichel eine Liebesgeschichte, die so gut wie gar nicht stattgefunden hat, was aber an ihrer Bedeutung nichts ändert.
Ganz im Gegenteil: Gerade weil das Versprechen Versprechen bleibt, ist die Zuneigung so haltbar, die Liebe so rein. Das Uneingelöste hat größeres imaginäres Potential als der Vollzug.
Das gilt im Übrigen auch für das Karussell, das dann, wenn es sich zu drehen beginnt, plötzlich an Attraktivität verliert. Wer ein Ziel erreicht hat, hat ein Ziel verloren.
So ist es mehr als mitfühlend, dass Treichel am Ende dieses zärtlichen, leisen, humorvollen Romans alles offen lässt. Mag sein, dass die Zeit der Träume vorbei ist und da, wo das Karussell stand, sich schon bald ein Gebrauchtwagenhändler breitmacht. Aber auch das ist nur eine von vielen Möglichkeiten.
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