SWR2 Kultur Aktuell
EIN OPERNKRIMI MIT ERSCHRECKENDER AKTUALITÄT Ein sexuell übergriffiger Herzog von Mantua, der durch die feudale Gegend wildert und sich schließlich an die Tochter seines Hofnarren ranmacht: das klingt wie eine irritierende Geschichte aus alten Tagen. Aber war es bei Jeffrey Epstein anders? Insofern hat Giuseppe Verdis „Rigoletto“ auch heute noch seine Aktualität. Das Badische Staatstheater in Karlsruhe [https://www.staatstheater-karlsruhe.de/programm/info/3780/] nennt Verdis frühes Meisterstück gleich einen Opernkrimi, den Anna Drescher am Haus neu inszeniert. In Dreschers Inszenierung spielt „Rigoletto“ im surrealen Nirgendwo einer Nachtstadt mit einem Turm der Begegnung zwischen Pissoir und Einraumwohnung, einer überdimensionalen Bettdecke und einer in die Schräge gekippten Kneipe am Sumpf. Das sind düstere Seelenlandschaften einer abgestumpften Spaßgesellschaft. STARKE STIMMEN ZWISCHEN VERFÜHRUNG UND VERDERBEN Der Hofnarr Rigoletto ist der Einzige, den die alles umfassende Langeweile nicht in den Abgrund des perversen Lustgewinns zieht. Sein Fehler: er will Tochter Gilda diesem Abgrund entziehen, indem er sie als rosa kostümiertes Zuckerpüppchen mit mit Teddybär im Glaskäfig des ewigen Kindseins einsperrt. Doch genau das weckt im Herzog die perverse Lust zur Schändung. Jenish Ysmanov singt diesen Herzog mit maskuliner Höhenkraft, dem der Schmelz lyrischer Verführung abgeht. Das ist vielleicht einseitig, aber konsequent. Anastasia Taratorkina singt sich mit brillant geformten Koloraturen aus dem Puppenhaften in die entdeckte Weiblichkeit und ist die große vokale Verführerin. Leonardo Lee singt als Rigoletto tragisch groß das Gebrochene dieser Figur. Er ist der Narr, der das Gute will und doch das Böse schafft. So hilft er den als Teddybären verkleideten Höflingen bei der Entführung Gildas und lässt sich eine blindmachende Bärenmaske überstülpen. RACHE, OPFER UND GRUSEL Nach der Schändung Gildas durch den Herzog kann Rigolettos Rache nur auf gleichem Niveau erfolgen durch einen Auftragskiller, den man hinter sorgsam verschlossenen Türen trifft. Die Mordszene, in der sich Gilda für den immer noch geliebten Wüstling opfert, ist ein Lehrstück einer Gruseloper. Die in der Gewitterszene niederfahrenden Blitze beleuchten für kurze Momente die am Rand stehenden Höflinge. Großartig der Herrenchor mit seiner chromatischen Imitation des Windheulens, das der Szene das Unheimliche des entfesselt Animalischen gibt. Es könnte aus einem Film von David Lynch sein. EIN KLANG-GEMÄLDE MIT GROSSARTIGEM SOG Johannes Willig dirigiert die Badische Staatskapelle wie ein Maler, der mit einem verblüffenden Pinselstrich dem Klang-Gemälde die sogenannte „Tinta“ Verdis verleiht. Der Blick in den Abgrund gelingt mit großartigem Sog. Es ist ein wahrhaft großer Opernabend, rundweg schön gesungen von einem tollen Ensemble mit einer Regie des intelligenten Opern-Surrealismus.
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